Verlass beginnt dort, wo Kontrolle endet.

Kontrollfreak, Mühe mit Vertrauen, komplette Verantwortung übernehmen – alles Ausdrücke oder Themen, die ich ab und an höre oder an denen ich selbst arbeite, weil ich lange dachte, das seien meine Probleme. Wir kennen ja den schönen Ausdruck Symptombekämpfung – und genau so fühlt es sich oft an. Mit der Zeit habe ich verstanden, dass diese Verhaltensweisen meist einen anderen Ursprung haben. Meine Einsicht war: Ich habe gelernt, dass ich auf niemanden angewiesen sein muss, alles selbst schaffen kann und nicht abhängig sein darf. Klingt im ersten Moment ziemlich gut, oder?

Doch diese Fähigkeit hat ihren Preis. Wenn man gelernt hat, sich vor allem auf sich selbst zu verlassen, wird Vertrauen anstrengend. Nähe wird zur Verhandlung, Unterstützung zur Ausnahme. Der komplette Verlass lastet auf mir und mit ihm die Verantwortung, immer zu funktionieren, immer stark zu sein, immer weiterzumachen. Was nach Unabhängigkeit aussieht, kann sich schnell wie Isolation anfühlen. Hilfe anzunehmen fällt schwer, weil sie sich wie Kontrollverlust anfühlt. Enttäuschungen wiegen schwerer, weil man sie nicht teilen kann. Und Müdigkeit wird leise, weil man sie sich selbst kaum zugesteht. Sich auf sich selbst verlassen zu können ist eine Stärke. Sich nur auf sich selbst verlassen zu müssen, ist eine Last.

Vielleicht beginnt Veränderung nicht damit, noch mehr alleine zu tragen, sondern damit, den Verlass langsam zu teilen. Nicht alles, nicht sofort – aber Schritt für Schritt. Zu üben, sich anzuvertrauen, wo es möglich ist, und anzuerkennen, dass Stärke auch darin liegt, sich halten zu lassen.

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Erst entdecken, dann entwickeln: die Kunst der Rückkehr zur Neugier auf mich selbst.